Über Gastfreundschaft

 

Gedanken zum Herbergselterntreffen in Vacha, am Ende des ökumenischen Pilgerweges am 12.03.2016

von Monika Gerdes


 

GASTFREUNDSCHAFT – was sie in uns bewegt – wie sie uns ändert

 

 

 

Von Gastfreundschaft kenne und erlebe ich beide Seiten:

 

als HERBERGSMUTTER – bin ich hinter der Tür, lasse ein,

 

bin Gastgeberin,

 

gewähre Gastfreundschaft.

 

 

 

Als PILGERIN - stehe ich vor der Tür, klopfe an,

 

bin Gast,

 

erfahre Gastfreundschaft.

 

 

 

Deshalb werde ich über meine Erfahrungen von beiden Perspektiven aus berichten.

 

 

 

A) DIE PERSPEKTIVE DES PILGERS

 

- GASTFREUNDSCHAFT ERFAHREN

 

 

 

Als Pilger ist man aus dem Alltag herausgerissen, unsicherer, dünnhäutiger. Du bist der Fremde. Du musst Dich überwinden anzuklopfen, um Quartier zu bitten, um Essen und Trinken – also um die elementarsten Dinge zum Leben. Es mag sein, dass ich abgewiesen werde – oder an die nächste Tür weiterverwiesen. Ich muss das akzeptieren. Ich werde bescheiden und erwarte Einfaches. Aber wenn dann jemand die Tür weit öffnet – und gar noch den Tisch und das Herz dazu, wenn ich also echte Gastfreundschaft erfahre: dann ist meine Dankbarkeit umso größer. Wie das Sprichwort des Jakobusweges sagt: "Der Tourist fordert – der Pilger dankt!"Die vielfach erfahrene Gastfreundschaft macht ganz sanft etwas mit mir. Schon kleine Zeichen ermutigen. Meine Erschöpfung wird bemerkt und gelindert. Es braucht gar nicht viele Worte. Der heiße Tee zur Ankunft – das Zeitungspapier für die durchnäßten Schuhe zum Ausstopfen – die bereitgestellte Suppe – das vorhandene Blasenpflaster geben neuen Auftrieb. Wenn ich gar ein Gespräch geschenkt bekomme, kann es passieren, dass ich mit den Gastgebern auch ein Stück Kultur dieser Region, oder dieses Landes geschenkt bekomme – abseits vom Mainstream, von Klischees oder gar Vorurteilen. Und manchmal spürt man dann, wie man im Innersten von etwas Größerem angerührt wird. Ich bin innerlich bewegt und kann mich dann morgen mit neuem Elan auf dem Weg bewegen. Erfahrene Gastfreundschaft macht demütig, dankbar und – fröhlich. Sie bestätigt, daß es viel mehr Hilfsbereitschaft in dieser Welt gibt, als es manche Schwarzmaler und das Trommelfeuer an schlechten Nachrichten in vielen Medien weismachen wollen. Erfahrene Gastfreundschaft schreibt in unser Herz mit den Buchstaben der Liebe: "Mir ist geholfen worden – nun vertraue ich neu und tiefer dem guten Gott, der uns durch die Hände der Menschen gute Gaben gibt."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

B) DIE PERSPEKTIVE DER HERBERGSELTERN -

 

GASTFREUNDSCHAFT GEWÄHREN

 

 

 

Als Herbergseltern werden wir ständig neu gefordert. Wir haben nicht bloß unser Haus geöffnet – wir haben auch richtig Arbeit mit der Herberge. Wir gehen auf die verschiedenen besonderen Situationen der Pilger ein – von dem, der bloß Ruhe sucht, bis zu dem der dringend jemanden zum Reden braucht – oder einen Rat zur Blasenbehandlung – oder zur nächsten Herberge. Manchmal ist unser Organisationstalent gefragt. Wenn jemand erkrankt, zum Beispiel. Oder abbrechen muß. Oder überflüssigen Ballast heim schicken will. Doch wir lernen ja dabei!

 

 

 

Wir werden flexibler. Kein Pilger gleicht dem anderen. Es gibt sie vom blutigen Neuling bis zum vielgepilgerten Spanienerfahrenen, der nur noch den Osten neu erkunden will. Langsam meistern wir diese Situationen – die Gastfreundschaft schenkt uns Erfahrung und Improvisationstalent.

 

 

 

Wir lernen loszulassen. Bei jedem Pilger ein bißchen von unserer Zeit – und weg ist sie. Wir haben sie verschenkt. Wir lassen auch Ängste los: vor dem Fremden, der da kommt und uns vielleicht etwas wegnehmen kann.

 

 

 

Im Gegenteil:von den allermeisten Pilgern werden wir beschenkt. Wenn wir zuhören können. Wir werden beschenkt – mit ihrer Erfahrung, mit ihren Geschichten, mit Impulsen für das eigene Leben, mit ihrem Dank. Ja, sogar Gastgeschenke (winzige, tragbare, besondere – zum Beispiel einen Pin, eine Postkarte, einen gefalteten Papier-Engel) lassen Einzelne da. Senden nach der geglückten Ankunft eine Postkarte oder eine Mail. Manchmal entstehen Freundschaften.

 

 

 

Die Gastfreundschaft macht uns offener. Wir lernen den Blick über den eigenen Tellerrand. Wir erfahren von anderen Ländern, Kulturen, Sitten, Berufen, Familiensituationen, ja auch Konfessionen oder Religionen. Was für uns "normal" ist – sieht der Blick des Gastes vielleicht anders, wundert sich, fragt nach. Da kommt man mit Kaffee-Sachsen, Berlinern, Bayern, Rheinländern oder "Fischköppen" ins Gespräch, - mit vielfachen Müttern, Witwern oder Singles, - Protestanten, Evangelikalen, Katholiken, Esoterikern oder Agnostikern - Veganern und Fleischliebhabern - Ingenieuren, Pastoren, Erziehern, Briefträgern, Studenten – Gesunden und Kranken .

 

 

 

Wir lernen besser zuzuhören. Ohne – bei Unsicherheiten – sofort Rat – Schläge erteilen zu wollen... Der Pilger, die Pilgerin ist einfach dankbar dafür, mal das Herz ausschütten zu können. Viele jedenfalls. Andere schätzen die Stille, wollen zu sich kommen. Ich glaube, wir merken das. Bei so manchen Problemen unserer Gäste mögen wir denken: wie klein ist dagegen meine Sorge – so vieles relativiert sich. Gastfreundschaft macht uns hellhörig und sensibler für die Nöte unserer Mitmenschen – auch der Nicht- Pilger.

 

 

 

Und – wir werden gelassener. Schließlich ist der Aufenthalt eines Pilgers auf eine Nacht begrenzt. Wenn er uns ausnahmsweise mal nervt – wir üben uns in Geduld – sind ihn ja morgen schon wieder "los". Und andersherum – wir wissen: was wir an Not oder Orientierungssuche erfahren – können nicht WIR lösen. Das können wir nur einem Größeren als uns anvertrauen. In der Gewißheit, daß ER mit dem Pilger weiter auf dem Weg bleibt – dem Jakobsweg wie dem Lebensweg. Das können wir meistens nur im Gebet an IHN weitergeben, abgeben.

 

 

 

Die Eingangsfrage hieß: Gastfreundschaft – was sie in uns bewegt, wie sie uns ändert.

 

 

 

Dazu noch zweierlei aus der Bibel zum Abschluß:

 

 

 

1. Gastfreundschaft bringt uns in die direkteste Verbindung zu Jesus, die man sich vorstellen kann....Denn Herberge zu geben verstehe ich als einen der Wege, folgendes Jesuswort zu erfüllen, das er über die Gesegneten unseres Abbas gesagt hat:

 

 

 

so heißt es bei Matthäus, Kapitel 25, Verse 35 und 40:

 

"Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. (...) Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."

 

 

 

2. Die Emmausgeschichte

 

 

 

Sie ist ein wunderbares Bild auch für die Gastfreundschaft und was diese bewirkt. Zunächst sind sie gemeinsam unterwegs – die beiden traurigen Jünger und Jesus. Die Jünger sind zunächst wie Pilger, doch indem sie den (noch nicht erkannten) Jesus mit ins Gasthaus zum Abendessen einladen, werden sie zu Gastgebern. Sie sind also beides. Sie verbinden mit der Einladung eine große Hoffnung, die der gemeinsame Weg und das Gespräch unterwegs geweckt haben. Die Hoffnung wird erfüllt! Indem die Gastfreundschaft zum Teilen und Brechen des Brotes führt – genau in diesem Moment – werden den Emmausjüngern die Augen geöffnet. Dass sie es mit Jesus zu tun haben. Dass er lebt. Da passiert Wandlung. Und es wird nicht nur das einfache Brot in Brot des Lebens verwandelt – sondern ihr ganzes Leben. Es erhält eine neue Richtung. Zaghaftigkeit, Trauer, Depression werden verwandelt in neuen Mut. Und sie kehren um – allen wollen sie die neugewonnene Freude verkünden.

 

So – glaube ich – verwandelt auch uns gelebte Gastfreundschaft, egal ob Pilger oder Herbergseltern – sie verwandelt unser Herz. Im Unterschied zu der Emmausgeschichte meist sanft, unmerklich fast – aber beständig.....


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Die Gastfreundschaft auf dem ökumenischen Pilgerweg

(Monika Gerdes -Vortrag, gehalten in Augsburg am 23.7.2011)

 

 

Zunächst möchte ich mich kurz vorstellen. Ich heisse Monika Gerdes und bin Herbergsmutter in der Pilgerherberge Crostwitz. Das liegt in der Oberlausitz - also im östlichsten Zipfel Deutschlands.... Beruflich bin ich Hörfunkredakteurin beim MDR. Warum ich heute hier bin? Dazu gehört eine kleine Episode. Voriges Jahr im Sommer war eine Gruppe von Pilgern in meiner „Pilgeroase“ im Garten rasten, Kaffeetrinken und so, das waren 6 Leute aus Augsburg, eine lustige Gruppe. Einer von ihnen, ein Priester stellte sich vor mit „Ich heiße wie der Papst, bin aber nicht mit ihm verwandt.“ Deshalb sprach ich ihn ständig mit „Benedikt“ an (wir Pilger duzen uns untereinander) - und wusste gar nicht, warum die anderen so verstohlen grienten. Erst, als alle weg waren, las ich seine Unterschrift im Gästebuch: Hubert Ratzinger. Deshalb  ist mir diese Begegnung gut im Gedächtnis geblieben. Nun, ein halbes Jahr später kam dann von ihm ein Anruf aus Augsburg. Ich danke herzlich für die Einladung. Und da ich inzwischen die gute ökumenische Zusammenarbeit in Augsburg schon erlebt habe, bin ich doppelt froh über das Thema.

 

1. Der ökumenische Pilgerweg

1.1. Geschichte des ökumenischen Pilgerweges

 

Der ökumenische Pilgerweg ist etwa 420 Kilometer lang, beginnt in der östlichsten Stadt Deutschlands, in Görlitz, führt unter anderem über Bautzen, Leipzig, Merseburg, Erfurt und endet in Vacha an der thüringisch-hessischen Grenze.  Ihn zu gehen, braucht es rund 3 Wochen zu Fuß. Etwa 100 Herbergen gibt es unterwegs für Pilger. Entstanden - das heißt, wiederbelebt - wurde der ökumenische Pilgerweg im Jahre 2003. Die Vorbereitungszeit dafür betrug ein Jahr. Im Grunde war es die Idee einer einzigen jungen Frau, die das Projekt fast im Alleingang verwirklicht hat. Wie das kam? Sie wollte Religionspädagogik studieren. Vor Studienbeginn machte sie eine Rucksackwanderung durch Deutschland. Zunächst zeltete sie dabei. Später klopfte sie an Türen an und fragte um Quartier. Sie erlebte nicht für möglich gehaltene Gastfreundschaft und machte ganz existentielle Erfahrungen dabei. Deshalb begann sie danach zu überlegen, wie sie solche Erfahrungen auch anderen Menschen zugänglich machen könne. Und da entdeckte sie auf einer Spanienreise den Jakobsweg. Und auf alten Europakarten die Via Regia als Teil des europäischen Pilgernetzes in Richtung auf Santiago de Compostela hin. Bereits während des Studiums setzte sie ihre Idee um. Das Thema ihrer Diplomarbeit (2002) lautete: „Wandern und religiöse Bildung - zur Religionspädagogik des Pilgerns in der Gegenwart“. Als Anhang war schon die „Konzeption eines ökumenischen Pilgerweges“ angefügt. Sofort im Anschluss an das Studium absolvierte sie ein Projektjahr bzw. „Freiwilligenjahr“, finanziert von der Robert-Bosch-Stiftung. Als inhaltlicher Träger fungierte das evangelische Landesjugendpfarramt Sachsen. Schon während des Studiums aber hatte sie sich erfolgreich an Preisausschreiben beteiligt, und setzte die gewonnenen Preisgelder mit zur Finanzierung ein.

In der Zeit dieses Jahres galt es:

 

- den historischen Wegeverlauf zu erkunden

- den praktischen Wegeverlauf mit Städten und Gemeinden abzustimmen

- Wegbereiter/Ehrenamtliche vor Ort für das Ausschildern der Wegabschnitte zu finden, die diese später auch kontrollieren würden

- Schaffung eines Herbergsnetzes - Kontakte knüpfen bei eigener Wanderung

- Pilgerführer erstellen (= Begleithandbuch) -> detaillierte Karten -> Angaben zu Herbergen mit Adressen u.Telefonnummern 

  Fotos -> Infotexte

Der ökumenische Pilgerweg wurde am 5.7.2003 in Königsbrück feierlich eröffnet.

 

 

Die junge Frau heißt Esther Zeiher, geborene Heise aus Großenhain im Osten. Sie ist inzwischen Religionslehrerin, hat 2 kleine Kinder, wohnt in Iphofen, und leitet von dort aus weiterhin den (gleichnamigen) Trägerverein des Weges. Sie bekam den Deutschen Studienpreis, den Erich-Glowatzky-Preis und das Bundesverdienstkreuz. Der ökumenische Pilgerweg hat einen ansprechenden Internetauftritt und wurde in Spezialzeitschriften für das Pilgern, in Magazinen wie „Spiegel“ und „Stern“ gut besprochen. Ein übriges zum guten Ruf und steigenden Bekanntheitsgrad tat sicher die Mundpropaganda, das Weitersagen der Erfahrungen von Pilgern untereinander. Momentan werden jährlich rund 3000 Pilgerführer verschickt. Was wohl in etwa der Zahl derer entspricht, die sich pro Jahr auch auf den Weg begeben - meist zu Fuß , aber auch per Rad. Wobei ein wichtiges Prinzip, ja das Herzstück, die Seele des „ökumenischen Pilgerweges“ die Qualität der Herbergen, das heißt der menschlichen Begegnungen ist. Wie diese Idee ja auch zur Entstehung überhaupt erst geführt hat....Ja recht eigentlich ist  die Gastfreundschaft das, was den ökumenischen Pilgerweg auszeichnet.

 

1.2. Die Regeln des ökumenischen Pilgerweges

 

Sie sind, wie wohl ähnlich anderswo auf Pilgerwegen Deutschlands auch: Es gibt für den Pilger einen Pilgerausweis, den er in jedem Quartier abstempeln läßt. Die Herbergen befinden sich in zumutbarer Entfernung, bilden ein relativ dichtes Netz. Herberge geben Pfarrgemeinden, Vereine, Initiativen, Privatpersonen oder Jugendherbergen - seltener Pensionen oder Familienbauernhöfe am Weg. Sie stehen im Pilgerführer. Der wird (fast) jährlich aktualisiert neu herausgegeben. Zu jeder Ausgabe steht im Internet eine „Ergänzungsliste“, wo neuere Infos - auch zu Änderungen im Wegeverlauf - eingearbeitet werden. Manche private Übernachtung steht auch nur in der Ergänzungsliste... Der Pilger bleibt nur eine Nacht (außer bei Krankheit), hat seinen eigenen Schlafsack mit, und bedankt sich in jedem Quartier mit einer Spende von empfohlenen 5 Euro (außer es ist , wie in Pensionen, ein Festpreis im Pilgerführer angegeben). Manche Pensionen gewähren aber Pilgern auch Rabatt, manche Restaurants preisgünstige „Pilgermenüs“. Der Pilgerführer kann per Internet bestellt werden und wird von einem Vereinsmitglied verschickt. -  Herbergseltern kennen sich und bilden miteinander sozusagen ein Netz - denn einmal pro Jahr, immer zu Saisonbeginn, also Anfang März, treffen wir uns - gibt es ein „Herbergselterntreffen“. Das organisiert der Verein. Abwechselnd in einer der Herbergen am Weg, abwechselnd in den drei beteiligten Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen. Da werden Erfahrungen ausgetauscht, Informationen weitergegeben, neue Ideen gesucht, man diskutiert, singt und betet miteinander und lernt nebenbei noch andere Gegenden des Weges kennen. Gästebücher, Fotos, Briefe von Pilgern werden mitgebracht. Jedes Mal gibt es auch einen thematischen Vortrag. Und natürlich ist der kleine Trägerverein, ist die Vorsitzende  Esther Zeiher auch mit von der Partie.

1.3. Warum ÖKUMENISCHER Pilgerweg?

 

Das bin ich auch schon gefragt worden. Nun, die Ökumene war der Initiatorin ein wichtiges Anliegen unserer Zeit! Und es ist auch ganz praktisch so: Erstens geben sowohl evangelische als auch katholische Pfarrgemeinden Herberge und bilden mit den Pilgern „Gemeinde am Weg“. Dazu nur zwei Beispiele: In der evangelischen Pfarrgemeinde Arnsdorf wird im Sommer auch Landkino in der Pilgerscheune veranstaltet, an diesen Abenden werden natürlich die Pilger immer mit einbezogen. Und in der sorbischen Pfarrgemeinde Crostwitz nehmen viele Gäste an den (täglich stattfindenden) Gottesdiensten teil - obwohl diese meist in sorbischer Sprache gefeiert werden.  Zweitens weil evangelische und katholische Pilger unterwegs sind! Aber auch - Atheisten, Esoteriker, Menschen anderer Konfessionen, Buddhisten und.... Suchende. Jedenfalls habe ich schon all dies als Herbergsmutter erlebt. Das einzige, was mir bisher noch nicht untergekommen ist, waren - so glaube ich - Moslems. Und der Weg - er ermöglicht, ja er forciert die Begegnung , das Gespräch unterwegs über religiöse Dimensionen des Daseins.

ABER - ich persönlich möchte den Begriff „Ökumene“ gern noch weiter fassen. Auch angeregt durch eine Diskussion auf einem Herbergselterntreffen... JEDER Mensch, der diesen Weg läuft, ist Pilger! Und verdient dadurch Anerkennung, Respekt, Gastfreundschaft, Unterstützung, Zuhören.... Schon dafür, DASS er sich auf den Weg gemacht hat, egal aus welchen Gründen. Auch wenn es zum Beispiel touristische waren... Denn der Weg, das Laufen selbst verändern ihn („Kein Pilger kommt ohne ein Vorurteil weniger, ohne eine Erkenntnis reicher nach Hause...“ hat so oder ähnlich mal ein berühmter Mensch gesagt). Wer ankommt ist nie der gleiche wie der, der loslief... Vielleicht wollte er sich ja sportlich betätigen - und hat beim Gehen ein Größeres erfahren, ein Stück Leben aufgearbeitet, Gott erahnt.... Wer will darüber richten? Ein Beispiel, das ich erlebte: Ein einzelner Pilger aus Zittau sagte sofort nachdem er am Kaffeetisch Platz genommen hatte: „Aber mit Kirche habe ich nichts am Hut!“... Ich blieb ruhig, freundlich und gelassen und meinte, das sei mir egal - für mich sei er hauptsächlich Mensch und Pilger. Als er wieder gegangen war, bemerkte ich, dass er eine der zum Mitnehmen ausgelegten Taschenbibeln eingesteckt hatte! Auch deshalb möchte ich Ökumene nicht auf zwei Konfessionen beschränken. Eine offene Haltung von Herbergseltern bringt viele zum Nachdenken, Innehalten und infrage stellen. Toleranz wird erfreut wahrgenommen. Auch das ist christliches Zeugnis: Einfach durch unser DA-SEIN und unser SO-SEIN. Ohne mit Worten missionieren zu wollen. Denn Gespräche über Glauben, Werte, Grundhaltungen des Lebens ergeben sich oft am gemeinsamen Essenstisch ganz natürlich und spontan. Ich habe mir inzwischen den Grundsatz zu eigen gemacht: Mich nicht aufdrängen! Aber ehrlich sein bei Nachfragen. Dann sich trauen „Ich“ zu sagen - und auch Lücken zuzugeben. Oft werde ich auch gefragt: Bist du katholisch oder evangelisch? Meine erste Antwort lautet dann: Ich bin Christin. Denn das ist ja doch das Verbindende.

 

2. Wer geht den ökumenischen Pilgerweg?

2.1.  verschiedene Gruppen

Es gehen ihn Menschen aus Ost und West, geschätzt fifty-fifty. Die „Westler“ erzählen mir dann oft, sie seien zum ersten Mal überhaupt „im Osten“. Sie sind sehr interessiert, stellen viele Frage, auch zur „ostdeutschen Vergangenheit“, sie sind sehr neugierig. Sie haben Erlebnisse jenseits von Schwarz-weiß-Malerei. Zitat: „So gastfreundlich und offen habe ich mir den Osten nicht vorgestellt...“

Es gehen den Weg Frauen und Männer. Geschätzt mehr Frauen als Männer - warum, weiß ich nicht zu sagen. Erfahren habe ich, dass Frauen öfter in Gruppen zu zweit oder dritt laufen - Männer öfter allein. Die Männer gehen meist mehr Kilometer, suchen körperliche Grenzerfahrungen, wollen „es“ sich beweisen, haben manchmal körperliche Gründe für die Reise.

Es gehen erfahrene Spanienpilger, die bereits in Santiago de Compostela waren (z.B. weil sie auch mal diesen Weg kennen lernen wollen, oder weil sie mehr Ruhe als dort suchen) - und es gehen „blutige Anfänger“. Von den Spanienpilgern habe ich schon viele gute Ratschläge für mein eigenes Pilgern erhalten. Für die Anfänger halte ich selber Blasenpflaster und gute Ratschläge bereit, habe auch schon ihre Rucksäcke gewogen und für zu schwer befunden, sie haben Sachen dagelassen , die ich für sie dann zurückschickte....

Es kommen Pilger aus aller Herren Länder. Außer aus (ganz) Deutschland waren Menschen da aus: Österreich, der Schweiz, Polen, Tschechien, Frankreich, Spanien, viele aus den Niederlanden, einige aus Dänemark, eine aus Portugal, einer aus den USA, eine aus Norwegen und einer aus Ungarn.

Mehr als man vermuten könnte, laufen auch Kinder! Oder werden sogar im Kinderwagen geschoben (oder im Fahrradanhänger gefahren). 4 Beispiele: 1) Unser jüngster Pilger war 9 Monate, hieß Elia, die österreichische Mutti schob den Kinderwagen und hatte zur Unterstützung ihre Freundin mit dabei. Sie war freilich erfahrene Bergwanderin, hatte die Strecke vorher ausgekundschaftet u.teilweise geändert... Ich staunte, wie entspannt sie das Ganze meisterte. Das Pilgern war immer schon ihr Traum, nach dem Motto „Wenn ich mal Zeit habe....“ Nun, die Zeit hatte sie eben erst mit der Babypause... Und angesteckt hatte sie mit dem Pilgerfieber die Oma, die auch schon mal gelaufen war und ganz begeistert zurückkam.   2) Ein Leipziger Ehepaar mit einem 11-jährigen Sohn Moritz, der Vater LKW-Fahrer, die Mutter Krankenschwester, der Filius lebhaft, und hatte noch so viel Energie, dass er mir beim Johannisbeeren pflücken half und wir den ganzen Abend miteinander „Elfer raus“ spielten. 3) Eine Gruppe kam zu zehnt: drei Mütter-Freundinnen, mit ihren zusammen 7 Kindern im Alter von 6 - 14 Jahren. Die Frauen waren hier in der Oberlausitz zusammen in die Schule gegangen, leben inzwischen verstreut in Deutschland, und suchen jährlich ein gemeinsames Erlebnis, was zur Zeit (in jährlichen Abschnitten) das Pilgern ist. 4) Eine Pflege-Familie aus Aachen: ein Junge und ein Mädchen liefen gemeinsam mit ihrer Pflegemutti als Therapie während der Schulzeit! Sie waren Waldorfschüler, durften/mussten natürlich den Schulstoff nachholen, ihr Thema des Pilgerns hieß: schwierige Beziehungen heilen.

Es laufen alle Berufsgruppen! Und das „Du“ untereinander hebt dabei Standesunterschiede auf - beim Pilgern sind alle Brüder und Schwestern... Zum Beispiel waren in Crostwitz - Heilpädagogen, Ärzte, Hilfsarbeiter, Studenten, Pfarrer und Pfarrerinnen, Architekten, Landschaftsgärtner, Informatiker, Organisten, Angestellte der Stadtverwaltung, Berufsmusiker, Rentner, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Lehrer, Bauern, Gastwirte.... Doch ich denke, zwei Drittel aller die bei mir ankommen sind oder waren Akademiker. Zwei Beispiele: Da war der junge Arzt aus Berlin, der gerade seinen Doktor gemacht hatte -und dies war nach anderthalb Jahren nun sein erster Urlaub. Er hatte einfach die Gefahr gespürt auszubrennen und wollte gegensteuern. Wir hatten ein intensives Gespräch darüber, was Gesundheit und was Krankheit eigentlich ist - warum manche Menschen trotz Stress gesund bleiben und andere haut jede Kleinigkeit um - auch das führte in spirituelles Fahrwasser... Oder da war die junge Pastorin aus Mainz, die mit dem „Jesusgebet“ oder „Gebet des Herzens“ in ihren Sabbatmonaten lief, die Erfahrungen später dokumentierte und mir den Bericht ein Jahr später zusandte.

 

2.2. Motive für´s Pilgern

Die Frage, die ich meinen Gästen mit am häufigsten stelle, heisst: „Warum pilgerst du?“ - Vielleicht sollte ich aber bei mir selbst anfangen: Ich wollte 2007 mit einer guten Freundin aus den Niederlanden meine Heimat zu Fuß erkunden und ihr zeigen. Daraus wurde schon in den ersten Stunden des Pilgerns, dass ich die Langsamkeit und Entschleunigung als wertvoll entdeckte. Inzwischen pilgere ich jährlich weiter - und tue dies hauptsächlich, um besser zu mir selber zu kommen und mich mehr im Hier und Jetzt zu verankern, in der Gegenwart zu leben. Ich versuche, dieses danach wieder mit in den Alltag zu nehmen...

 

Und nun (ungeordnete) Motive meiner Herbergsgäste:

- schon in Spanien gepilgert, jetzt Pilgerweg im Osten erkunden

- Krebskranke, weil sie nun Zeit haben u. um mit der Krankheit umzugehen

- Freunde bzw.Vater/Sohn o.Mutter/Tochter -> um unterwegs Zeit füreinander zu haben

- zur Bewältigung (akuter o.latenter) Depressionen oder burn-outs

- berufliche Neuorientierung suchen

- generell sich völlig neu im Leben positionieren

- Sinnsuche, spirituelle Suche (kommt oft erst spät im Gespräch zutage...)

- als Gruppe zusammen was unternehmen (Studenten, Lebenspartner)

- als Familie zusammen sanften Erlebnisurlaub machen

- den Osten kennen lernen

- eine Partnerschaftskrise überwinden

- den Tod eines geliebten Menschen verkraften

- weil man von anderen gehört hat, dass Pilgern toll sein soll

- Kraft tanken für Beruf und Alltag

- mal mit sich allein sein können

- körperliche Leistungsgrenzen testen, Anerkennung für sich selbst gewinnen

Auch dazu Beispiele „meiner“ Gäste: Ein Top-Manager einer großen Firma hält den Berufsstress nicht mehr aus und ist nicht bereit, noch länger das Familienleben leiden zu lassen. Er entschließt sich zum Aussteigen und weiss nicht, was er als nächstes beruflich machen wird. Er nimmt die Pilgerzeit als Aus-zeit, zur Umkehr, zum Nachdenken. Zitat: „Ich weiss dabei überhaupt noch nicht, was rauskommen wird. - Bisher war ich nur so Alltagschrist. Ich glaub, bloß das ist mir jetzt klar - da muss sich was ändern...“

Zwei Ordensleute aus den Niederlanden. Eine Steyler Missionsschwester bereitet sich pilgernd auf ihre silberne Profess vor. Ihr Freund und Ordensbruder (einer anderen, Mariengemeinschaft) begleitet sie dabei - und beide bewegt die Frage, wie sie die christliche Botschaft den Suchenden, die der Kirche fern stehen, aber doch nach Hilfe schreien, besser vermitteln können.

 

2.3. „Pilgergeschichten“

 

Noch zwei „Pilgergeschichten“, wie ich sie erlebte:

Stellen Sie sich vor, da steht vor ihrer Tür ein verschwitzter Mann mit gerötetem, von Pickeln übersätem Gesicht, die Augen etwas unstet, das Haar ungepflegt, gebeugt - die ganze Gestalt erinnert am ehesten an einen „Trinker“. Ein Einzelpilger, der genau am Tag meiner Geburtstagsnachfeier mit den erwachsenen Kindern  kommt (die ich nicht mehr so oft sehe). Ich äußere mich nach der „Einweisung“ etwas schwammig in dem Sinne, dass er dann in der Herbergsküche alleine essen kann - eine selbstgekochte Suppe ist schon zubereitet. Aber, während er duscht, widerspricht mir mein Mann energisch: Kein Pilger wird allein gelassen! Auch er wird zur Feier eingeladen! Oder hätte ich mir das etwa anders vorgestellt? Ich schlucke, schäme mich etwas... Nachher stellt sich heraus: Die Gesichtsrötungen sind Hautekzeme, der Mann ist Arbeiter in einer Desinfektionsabteilung einer Klinik, er ist höflich, zurückhaltend, und äußerst dankbar für die Einladung mit Festmahl. Er mischt sich in keines unserer Familiengespräche ein. Nachher, als die Kinder unerwarteter weise relativ zeitig heim müssen, entspinnt sich noch ein interessantes Gespräch und wir erfahren, dass er ein begeisterter Radsportler ist, und alleinerziehender Vater für zwei kleine Kinder war, die er mit viel Mühe ordentlich groß gezogen hat.  Dass er im Beruf sehr sorgfältig ist, spürt man und dass er sich viele Gedanken übers Leben macht, auch. - - - Nachgeschichte: Ein Jahr später - mein Mann ist inzwischen gestorben - kommt er wieder, um meine Trauer zu teilen, als Fahrradpilger. Wir haben uns viel zu erzählen. Dieser Pilger hat mich beschämt. Und gelehrt: JEDER Pilger ist Bruder oder Schwester - auch der nicht so tolle. Aber vor allem soll man sich davor hüten, nach dem ersten Anschein zu urteilen. Für jeden gilt das Jesuswort: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Im Gast nehme ich Christus auf. Theoretisch gewusst - aber in der Praxis - schwer zu tun.... (Auch da erhält das „Du“ unter Pilgern eine neue Dimension.)  

 Oder:

Da waren 2011 im Mai diese drei Frauen aus dem Ruhrpott. Zwei Schwestern etwa in meinem Alter (ich bin jetzt 51) - plus die Tochter der einen. Eine der Schwestern ist Bäuerin - Familienhelferin, die andere: Lehrerin. Sangesfreudig alle drei. Ich hole meine Gitarre hinzu, die eine von ihnen spielen kann. Sie haben ein Liederbuch dabei vom vorigen Kirchentag, denn sie sind begeisterte Kirchentagsbesucherinnen, verpassen möglichst keinen, sie haben sogar solche Schals in allen Farben dabei! Und wir singen den ganzen Abend zusammen moderne Kirchenlieder - dann Pilgerlieder, zum Beispiel die vom grossen laminierten „Andachtsblatt“ des ökumenischen Pilgerweges, das in jeder Herberge ausliegt. - - - Nachgeschichte: Zum evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden treffen wir uns wieder, erleben den Begegnungsabend am Eröffnungstag zusammen.

 

3. Die Gastfreundschaft auf dem ökumenischen Pilgerweg

3.1.  Warum gebe ich Herberge

Ich erwähnte es bereits: Die Gastfreundschaft ist beim ökumenischen Pilgerweg ein konstituierendes Element.  Und Herberge gibt, wer in der Gründungsphase zusagte oder wer inzwischen hinzukam. Alle sind entweder im Pilgerführer oder in der Ergänzungsliste des Internets aufgeführt. Und weil es so wichtig ist, werden die Herberge gebenden praktisch auch auf Qualität kontrolliert - das ergibt sich so durch Weitersagen, wenn irgendwo etwas im Argen liegt... Gegebenenfalls werden Einträge auch wieder gelöscht, das ist schon vorgekommen. Aber es kommen jedes Jahr auch neue hinzu.

Warum gebe ich persönlich eigentlich Herberge? Das ist ganz einfach entstanden: Weil ich selbst den ökumenischen Pilgerweg gelaufen bin, und weil mein Haus direkt am Weg liegt, was ich damals (2007) erst so richtig realisiert habe. Eine Wohnung im Haus war frei und im Umbau begriffen - ich sah, dass eine Herberge mehr an dieser Stelle ganz gut wäre. Ich war inzwischen selber begeistert vom Pilgern, bekam - gemeinsam mit meinem Mann - Lust auf Gäste - und wir fragten deshalb beim Verein an. Die Reaktion, die Qualitätskontrolle kam ganz schnell! Schon zwei Wochen später standen die ersten Pilger vor der Haustür! Es waren Vereinsmitglieder, die zufällig gerade eh´in der Gegend pilgern wollten und gebeten wurden, mal bei uns „nach dem Rechten“ zu schauen. Nun - wir hatten glücklicherweise auch andere Gästebetten - wir verbrachten einen wundervollen Abend miteinander, die Freundschaft besteht heute noch, inzwischen durfte ich ihre Tochter beherbergen.  Der private Umbau (ohne irgendwelche Fördermittel) wurde durch meinen Mann seit dem Einverständnis des Vereins mit Elan und neuer Zielsetzung sehr schnell zu Ende geführt. Die Eröffnung der Pilgerherberge Crostwitz war im Sommer 2008. Mit Einweihung und Segnung durch den Pfarrer, mit einem kleinen Fest für die Nachbarn, die wir um Mithilfe baten - mit einem Tag der offenen Tür, Kaffee und Kuchen für die Pfarrgemeinde tags darauf. Das war uns nämlich ganz wichtig:von Anfang an das ganze Dorf mit einzubeziehen. Die durchweg positiven Reaktionen und die weitere Geschichte des Hauses zeigen, wie wichtig gerade dies ist...

Und was ich nun „davon habe“? Das war/ ist durchaus auch ein Lernprozess: Ich bin nicht nur Geberin - sondern auch Nehmende: Jeder Gast bereichert mich, denn er bringt seine Lebensgeschichte, seine Lebenserfahrungen mit. Manchmal sogar seine Hilfe: wie jener Servicetechniker, der meine Spülmaschine wieder zum besseren Funktionieren brachte... 

Ich lerne also interessante Menschen kennen. Nicht ich muss in die Welt - die Welt kommt zu mir! Ein Jahr nach Eröffnung der Herberge (im Sommer 2009)  dann verstarb mein Mann sehr plötzlich und sehr unerwartet, unfassbar für uns alle... Da erfuhr ich die helfende Hand des Herbergsnetzes, und auch der Nachbarn. Denn ich entschloss mich, die Herberge nun alleine weiterzuführen (vorher war hauptsächlich mein Mann der Herbergsvater) - das wäre aber ohne Mithilfe der Nachbarn unmöglich, die nun inzwischen  die „Schlüsselverwaltung“ mit inne haben und Pilger schon tagsüber einlassen, wenn ich noch auf Arbeit bin... Nachdem ich also Witwe wurde, verlagerte sich meine Intention in diesem speziellen Fall... Nun sind die Pilger sozusagen meine Familie. Denn ich lebe ansonsten allein im Haus. Ich darf nun öfter andere bewirten und entdeckte auch, dass Kochen Spass machen kann - öfter bereiten wir das Abendbrot gemeinsam zu. Bei mir ist es nun auch so, dass ich immer bei mir mit zum Abendbrot (und wenn es geht auch zum Frühstück) mit einlade - da geht es sehr familiär zu. Ich erfahre auch sehr viel Dank! Was mich sehr motiviert... Da sind zum einen die persönlichen Einträge im Gästebuch - andererseits schicken einige nach dem Ankommen auch Karten oder Fotos - ja, manche stehen sogar ein halbes Jahr später mit einem kleinen Geschenk wieder vor der Tür und bleiben am Sonntagnachmittag zum Kaffee. Insgesamt hatte ich im Vorjahr 163 Pilger - es werden 2011 wohl wieder fast genauso viele werden.

Neue Ideen wurden geboren, die dankbar angenommen werden: So eine „Pilgeroase“ zur Stärkung für diejenigen, die zwar nicht bei mir übernachten werden und weiterziehen, aber hier gerne eine Pause einlegen. Deshalb gibt es nun in meinem Garten eine überdachte Terrasse, wo Kaffe/Tee/Kuchen/Obst zur Selbstbedienung auf einem  Tisch bereit stehen. Auch hier eine (kleine) Spendenbüchse zur Deckung der Unkosten und ein kleines Gästebuch. Es sind viel mehr „Oasenpilger“ als Übernachtungspilger inzwischen... Manche lerne ich auch persönlich kennen, denn wenn ich zufällig da bin, dann setze ich mich auch mal dazu.

Oder den „Treffpunkt Pilgeroase“ im Winter. Wenn keine Pilger mehr kommen - also im Dezember, Januar, Februar - gibt es an den Wochenenden kleine Kulturveranstaltungen für den Ort und die Umgebung in der Pilgerherberge. Das organisiere ich rein privat, so bleibt das Haus auch im Winter „offen“ und „belebt“. Ein wichtiges Thema dabei sind natürlich persönliche Pilgerberichte - oder filmische Pilgerdokumentationen - auch so wird wieder die Umgebung eingebunden und weiter für das Pilgern sensibilisiert. Andererseits sind es kleine Lesungen, musikalische Abende und immer auch eine Ausstellungseröffnung.

 

3.2. Netzwerke der Gastfreundschaft

Ich sprach schon vom jährlichen „Herbergselterntreffen“. Man kennt sich nun in der unmittelbaren Nachbarschaft des Weges. Man besucht sich auch privat oder hilft sich. Es ist ein Netzwerk, das trägt. Genau so wie das kleine Netzwerk von Pilgern. Denn einige, mit denen sich ein besonderer Faden entsponnen hat, hinterlassen ihre Adresse, es ergeben sich teilweise (vor allem aus der näheren Umgebung) Freundschaften. - Für manche Pilgeranliegen bete ich. Für manche meiner Anliegen versprechen Pilger das Gebet. Ich erfahre dieses Netzwerk als segensreich. Ich bin Glied dieser ganz besonderen Gemeinschaft.

Andere Herbergseltern werden dies sicher anders erfahren. Herbergen entlang des ökumenischen Pilgerweges haben natürlich ihre jeweiligen Spezifika. In Arnsdorf zum Beispiel, gleich am Beginn des ökumenischen Pilgerweges, da erwähnte ich bereits das Landkino - dort ist die Vereinsvorsitzende die Frau des Pfarrers, die auch immer wieder mal sich eine Zeit zum persönlichen Plausch nimmt. In Arnsdorf ist der Kühlschrank gut gefüllt mit den verschiedensten Dingen, dazu gibt es eine Liste für Preise (die klein sind) - denn eine Einkaufsmöglichkeit gibt es nicht im Ort. Das Ambiente der Scheune und des Dreiseitenhofes ist wundervoll, es gibt auch eine große Landkarte, wo Pilger Fähnchen für ihre jeweiligen Herkunftsorte einpflanzen.

-- - In Weißenberg gibt ein älteres Ehepaar Herberge in seinem Einfamilienhaus - es gehört ein schöner Gartensitzplatz dazu - gleich neben dem Gästezimmer das Bad für die Pilger. Und sie tun das weiterhin, obwohl die Frau schwer an Krebs erkrankt war. Beide sind evangelisch und aktive Glieder ihrer Kirchgemeinde, der Mann spielt Orgel.

- - - In Neubelgern, ein winziger Ort, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen, gibt eine Rentnerin Herberge, die dies ähnlich wie ich nach dem Tod ihres Mannes von ihm übernommen hat - und „Waltraud“ ist unter Pilgern für ihre lebhafte, fröhliche, unkomplizierte Art inzwischen sozusagen eine lebende Legende....

 - - -  In Königsbrück nächtigt der Pilger im ehemaligen, nun restaurierten  Armenhaus - im lebendigen Museum sozusagen. Weder Elektrizität noch fließend Wasser gibt es da. Ein Plumpsklo draussen. Dazu diesen Spruch: „Wer gewohnt ist, wenig zu haben, sollte dort nächtigen - er wird sich heimisch fühlen. - Wer gewohnt ist, in Reichtum zu leben, ebenfalls - er wird merken, wie wenig man braucht.“ Der Königsbrücker Herbergsvater hat das Prinzip, jedem Pilger mindestens eine halbe Stunde zu widmen. (Er ist selbständiger Zimmermann mit einer großen Firma). Er erklärt dann sehr gerne die Geschichte der Oberlausitz. Zum Abendbrot bringt er schon mal auch Wein mit, und zum Frühstück Milch und Brötchen. Er heizt, wenn es kalt ist, den Ofen an und bringt warmes Wasser zum Waschen in der Schüssel!

- - - In Leipzig gewähren Dominikanerinnen Obdach, die dort Sozialprojekte betreuen.

- - - In Merseburg nächtigt man auf der Empore einer romanischen Kirche und in Eisenach im Mutterhaus der Diakonissen, die die Pilger nach dem Frühstück zur kurzen Andacht mit einladen, den Anwesenden vorstellen und ihnen als Geschenk eine Keramikplakette mit einem Psalmwort überreichen.

- - - Am Ankunftsort Vacha erhält der Pilger als Zeichen des Abschlusses des ökumenischen Pilgerweges eine besonders gestaltete Ansteck - Pin.  - Ich selber erlebte beim Pilgern auf dem ökumenischen Pilgerweg aber auch echt nette PENSIONSeltern, die für Pilger alles möglich machten - bis hin zum Abholen mit dem Auto die letzten 2 Kilometer, weil es schon spät war und einfach nichts mehr ging...

Generell gilt auf jedem Pilgerweg für jede Herberge : „Nicht da ist man daheim, wo man einen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.“ (Christian Morgenstern). Der Pilger - der Fremdling - der Außenstehende - der Bittende - findet hier Heimat auf Zeit. Dazu passt ziemlich genau die eine Strophe unseres „Oberlausitzer Pilgerliedes“, das ich aus Buchholz habe und das ich hier zitieren möchte (zu singen auf die Melodie von „Das Wandern ist des Müllers Lust“):

Dem Fremden öffnet Heimat sich, dem Fremden öffnet Heimat sich, dem Fremden.Kommt er zu Fuß von Ort zu Ort, gibt man ihm Bett und gutes Wort, dem Fremden.

Und sich dessen bewusst zu sein, ist für uns Herbergseltern enorm wichtig. Denn der Gast ist ja erst mal ein leeres, ein unbeschriebenes Blatt für mich. Er hat meinen Respekt und die Chance eines Neuanfangs - egal wie sein Leben vorher war. Er weiss auch, dass er hier (höchstwahrscheinlich) nicht mehr hinkommt. Deshalb möchte er oft von sich erzählen. Er braucht vor allem verständnisvolles Zuhören. Nicht unbedingt einen Rat. Ich kann seine Probleme nicht lösen. Aber indem er vieles ausspricht, wird es ihm selbst klarer.

Ob ich je enttäuscht wurde? Nie! Bisher in den drei Jahren. Ich meine, die Gefahr dass so was mal passieren kann, ist ja nicht auszuschliessen. Das Risiko ist aber einzugehen. Doch wer pilgert, hat ein Anliegen. Und der Weg prägt ihn.

 

3.3 Der Pilgersegen

Ich persönlich glaube, dass das Pilgern ein Segen ist. Dass es eine neue Dimension des Glaubens eröffnet: die des Unterwegs - Seins. So ist ja Glauben nichts Statisches, sondern ein Weg, eingebunden in meinen Lebensweg - er entwickelt sich. Und das Gottesvolk wandert durch die Zeit - wie einst die Israeliten durch die Wüste. Gott ist ein Gott des Weges. Auch Jesus war ein WANDERprediger und als solcher stets unterwegs. Nicht zuletzt sagte Jesus Christus: „Ich bin der WEG, die Wahrheit und das Leben.“

Und so gehört für mich zum Herberge geben der PILGERSEGEN für die Weiterziehenden ganz wesentlich dazu. Er wird fast überall auf dem ökumenischen Pilgerweg erteilt, in unterschiedlichen Formen. Manchmal zum Mitnehmen auf Handzetteln. Manchmal in kleinen Broschüren, in denen noch andere Gebete oder Pilgerlieder stehen. „Meinen“ Pilgersegen - zugeschrieben nach einer Quelle dem heiligen Patrick aus Irland im 6. Jahrhundert - erhielt ich aus Hand und Mund der befreundeten oberlausitzer Herbergsmutter Waltraud 2009 am Grab meines Mannes. Sie sprach ihn für alle Trauernden und übergab mir später den Text. Ich möchte diesen wunderschönen Segen auch heute für Euch Augsburger Pilger sprechen, die ihr hier das Sternenpilgern in den frühen Morgenstunden gemeistert habt - und ich will Euch damit alles Gute für die Zukunft - auf Eurem künftigen Weg - wünschen:

Der HERR sei vor Dir, um Dir den rechten Weg zu zeigen.

Der HERR sei neben Dir, um Dich in die Arme zu schliessen, um Dich zu schützen vor Gefahren.

Der HERR sei hinter Dir, um Dich zu bewahren vor der Heimtücke des Bösen.

Der HERR sei unter Dir, um Dich aufzufangen, wenn Du fällst.

Der HERR sei in Dir, um Dich zu trösten, wenn Du traurig bist.

Der HERR sei um Dich herum, um Dich zu verteidigen, wenn andere über Dich herfallen.

Der HERR sei über Dir, um Dich zu segnen.

So segne Dich der gütige GOTT - heute und morgen und immer.

Amen.